Solange es Berge gibt...

Das Licht, die Reinheit und die Kraft der Kristalle ziehen die Menschen seit Urzeiten in ihren Bann. Den funkelnden Steinen aus den Tiefen der Felsen werden sogar mystische Kräfte nachgesagt. Die Bergkristalle sollen Heilkräfte besitzen oder Glück bringen – meist jedoch erfreuen sie ganz einfach und ergreifend die Augen der Betrachter. Denn jeder Bergkristall ist ein Unikat.

Weil die Fundgebiete stark abgesucht sind, braucht es nebst fundiertem Wissen viel Ausdauer und Glück, um schöne Kristalle und Mineralien zu finden. Trotzdem werden diese unerreichten Kunstwerke der Natur immer wieder durch die Hände des Strahlers aus dem Dunkel ans Licht gebracht, denn solange es Berge gibt, wird es auch Bergkristalle geben.

 

Urner Kristalle für Könige

Vor rund zweihundert Jahren waren die Kristalle aus den Urner Alpen begehrte Rohstoffe. Aus den Quarzen, beispielsweise aus der Urner Sandbalm am Eingang zum Göscheneralptal oder der grossen Höhle am Pfaffensprung, wurden Kronleuchter und zahllose kostbare Kristallobjekte für die Königshöfe Europas hergestellt. Diese oft einzigartigen Stücke sind heute in verschiedensten Museen der Welt zu besichtigen. König Friederich II. liess im 18. Jahrhundert Kronleuchter in seine prachtvollen Schlösser von Berlin und Potsdam hängen, deren Kristalle nachweislich aus den Urner Alpen stammen.

Die Geschichte dieser alpinen Schätze reicht bis in vorchristliche Zeiten zurück. Kristallsucher waren bereits in der Römerzeit bekannt. In den naturwissenschaftlichen Arbeiten von Plinius dem Älteren werden die Strahler zum ersten Mal erwähnt. Davor zerbrachen sich auch schon die antiken griechischen Geografen den Kopf über diese funkelnden Naturwunder. Sie vermuteten, die Bergkristalle seien steinhart gefrorenes Eis, das niemals schmilzt.

 

Die Alpen schenken uns Schätze

Die Bergkristalle selber sind noch viel, viel älter als der Mensch selbst. Entstanden sind sie mit der Faltung der Alpen vor 14 bis 18 Millionen Jahren bei Temperaturen um 330 bis 450 Grad Celsius. Wie ein Kristall aussieht, hängt von diversen Faktoren ab. Neben der Temperatur spielt der Druck im Berginnern sowie die genaue chemische Zusammensetzung eine Rolle. Die Auskristallisierung, während der sich die mikroskopisch kleinen Moleküle zur typischen Kristallform anordnen, folgt genauen Regeln. Quarzkristalle beispielsweise bilden immer sechseckige Prismen. In der «Szene» nennt man die Kristalle Strahlen.

Die bekanntesten Arten sind der helle Bergkristall, der braune Rauchquarz, der schwarze Morion oder die violetten Amethyste. Im Kanton Uri gibt es heute rund 250 leidenschaftliche Strahler, die in ihrer Freizeit nach Kristallen und Mineralien suchen. In der ganzen Schweiz leben rund ein halbes Dutzend Leute als Berufsstrahler und schaffen es, mit dieser jahrhundertealten Tätigkeit ihr tägliches Brot zu verdienen.

 

Berufung mit Ehrenkodex

In der Schweiz wurden und werden die meisten Kristalle und Mineralien im Gebiet der Alpen gefunden, hauptsächlich in den Kantonen Uri, Graubünden, Tessin, Wallis und Bern. Zum Suchen von Kristallen und Mineralien braucht es, nebst wenigen Ausnahmen, in den meisten Kantonen ein Strahler-Patent, welches bei den betreffenden Korporationen oder Gemeinden gegen eine Gebühr angefordert werden kann.

Die Strahler pflegen einen Ehrenkodex. Wer eine Fundstelle mit seinem Namen markiert und ein Werkzeug zurücklässt, stellt sicher, dass kein anderer Strahler sich an diesem Ort zu schaffen macht. Von einer Person dürfen gleichzeitig höchstens drei Fundstellen im gleichen Fundgebiet belegt werden.

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